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Jahrespressekonferenz: Steigende Verantwortung für Innovation in Markt und Gesellschaft
Für 2011 erwartet der ZVO ein 10%iges Branchenwachstum nach 30 % Umsatzplus in 2010
Dr. Uwe König, ZVO-Geschäftsführer Technologie, und ZVO-Hauptgeschäftsführer Christoph Matheis, gaben auf der vor wenigen Minuten beendeten Jahrespressekonferenz des Zentralverbandes Oberflächentechnik e.V. (ZVO) in Hannover interessente Rück- und Ausblicke auf die Galvano- und Oberflächentechnik.
TOPICS:
- Branche wächst in 2010 um 30 % und erwartet für 2011 weiteres Wachstum von 10 %
- Ideale Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für BerufsanfängerPreisanstieg durch Rohstoffknappheit und hohe Energiekosten
EEG-Umlage führt zu WettbewerbsverzerrungenDer ZVO nimmt verstärkt die Verantwortung für Innovation in Markt und Gesellschaft wahrVerstärkte Hinwendung zu umweltfreundlichen Verfahren und Beiträgen zur Energiegewinnung bzw. EnergieeinsparungVerstärkte Unterstützung von Fördermaßnahmen durch den ZVODie Bedeutung des ZVO in Europa steigtStiftungsprofessur an der TU Ilmenau zum 1.8.2010 besetzt
Dr. Uwe König:
Neben der Stärkung der wirtschaftlichen Situation ist es das Ziel des ZVO, die technologische Stellung der galvanotechnischen Branche auszubauen und zu sichern. Die aktuelle Diskussion um die Sicherheit von Produktionsprozessen sowie der Energie- und Ressourceneffizienz in chemischen Produktionsbetrieben weist dem ZVO aufgrund der deutlich kmU orientierten Struktur der galvanotechnischen Branche eine besondere Verantwortung zu.
Der ZVO erfährt demzufolge sowohl in Deutschland als auch in Europa zunehmend eine erhöhte Aufmerksamkeit durch Politik, Wirtschaft und Fachöffentlichkeit. Der ZVO stellt sich den daraus resultierenden Aufgaben einer zentralen Koordination von übergreifenden Aufgaben, z.B. REACH, Umweltfragen oder der Analyse von Technologie- und Markttrends.
Ausdrücklich hervorzuheben ist es, dass dies aufbaut auf dem ehrenamtlichen Engagement von Vertretern der gesamten Branche. Diese ist sich bewusst, dass eine Sicherung der Marktposition, und damit auch der Arbeitsplätze, nur durch ein gemeinsames Engagement möglich ist. Diese Basis zu erhalten und weiter auszubauen ist eine wesentliche Reaktion des ZVO auf die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Vieles erfordert dabei keine zusätzlichen Finanzmittel, sondern Wissen um die Zusammenhänge, Ideen, Risikobereitschaft und innovatives Gespür - Schwerpunkte, die Tradition in der von kleinen- und mittleren Betrieben geprägten Branche haben.
Es zeigt sich auch verstärkt, dass die aus der kmU Struktur resultierende Vielfältigkeit und Diversifizierung der Branche der Oberflächentechnik auch als Chance zu begreifen ist. Als traditionell wichtiger Teil in der Metallverarbeitung kann die Oberflächentechnik wie kein anderer Bereich die gesamte Produktionskette beschreiben, die Wechselwirkung der Produktionsschritte definieren und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft daraufhin ganzheitliche Empfehlungen aussprechen. Hierzu trägt wesentlich die Verbindung von wirtschaftlicher und technologischer Sichtweise bei, die Verbindung von ZVO und DGO.
Der ZVO hat mit der Koordination des europäischen Projektes REMake die Aufgabe übernommen, die Schnittstelle zwischen politischen Zielsetzungen und industrieller Umsetzung in den kmU für das zentrale Thema Ressourceneffizienz zur Sicherung des verantwortungsbewussten Umgangs mit Materialien in der Oberflächentechnik in Europa zu besetzen.
In der Kooperation mit der demea – der Deutschen Materialeffizienzagentur des BMWi – werden die branchenspezifischen Bedarfe und Potenziale beispielhaft für die Oberflächentechnik erarbeitet und die Betriebe bei der Umsetzung durch einen ZVO-Expertenkreis aktiv unterstützt.
Trends in der Technologieentwicklung
Zu beobachten ist die verstärkte Hinwendung zu umweltfreundlichen Verfahren und Beiträgen zur Energiegewinnung bzw. Energieeinsparung. Das deckt sich mit der allgemeinen volkswirtschaftlichen Entwicklung mit den geforderten niedrigeren Kohlendioxidemissionen und regenerativen Verfahren zur Energieerzeugung. Die aktuellen Diskussionen um Nanotechnologie und neue Materialien, nachwachsende Rohstoffe oder Energienutzung, die über den Begriff „Ressourceneffizienz“ definiert werden, werden in der Galvanotechnik unter anderen Namen bereits seit langer Zeit behandelt. Dies folgt aus der kontinuierlichen Erhöhung der Anforderungen der letzten Jahre, die verstärkt an die chemische Metallverarbeitung als Ganzes gestellt werden.
Dabei ist die Bewertung der Verfahren nicht nur auf den Einsatz von gefährlichen Stoffen in chemischen Prozessen abzustellen, sondern in einer Matrix von Eigenschaften, Anforderungen, Prozessstabilität, Ressourcenverfügbarkeit, Energiebilanz und Langzeitverhalten vorzunehmen.
Von wachsender Bedeutung für zukünftige Märkte der Oberflächentechnik sind Anwendungen in der Energietechnik. Verstärkt werden Bauteile von Batterien, Brennstoff- und Solarzellen zur kostengünstigen Massenanwendung beschichtet. Auch Anwendungen in der Medizin wie biokompatible Implantate, antibakterielle Beschichtungen oder Stimulation von humanen Zellen zur Unterstützung der Wundheilung sind hier zu nennen.
Die zunehmende Verwendung leichter Substrate auf Basis von neuen Kunststoffen und Leichtmaterialien stellt die Beschichtungstechnologie vor ganz neue Herausforderungen. Durch die Kombination der Verfahren wie Galvanotechnik mit Plasmatechnologie kann das Spektrum der zu beschichtenden nichtmetallischen Werkstoffe erweitert und zusätzliche Anwendungsbereiche eröffnet werden. Stark wachsende Anwendungsfelder sind Beschichtungen von Gläsern zur Wärmedämmung, Folienbeschichtungen oder Plasmabildschirme.
Unterstützung durch Fördermaßnahmen
Verstärkt wahrgenommen wird auch das Angebot der staatlichen Förderung. Häufig herrscht in der galvanotechnischen Branche zwar noch Skepsis über Sinn und Zweck öffentlich geförderter Projekte, was sich aber einfach durch die Schwierigkeiten des „Förderdschungels“ erklärt. Tatsächlich besteht ein hoher Innovationsbedarf und eigentlich auch eine große Bereitschaft zu technologieorientierten Projekten. Der ZVO bietet deshalb über die DGO Unterstützung in der Identifikation von wichtigen Themen und von Wegen, diese aktiv zu bearbeiten.
Öffentliche Präsenz in Deutschland und Europa
Eine Positionierung auf europäischer Ebene ist für die Oberflächentechnik eine besondere Herausforderung. Obwohl die Branche hochinnovativ ist, wird sie nicht ausreichend wahrgenommen. Dies liegt im wesentlichen in der Struktur als klein- und mittelständisch dominierte Branche begründet. Die Folge ist eine starke Diversifizierung und Verzettelung der verschiedenen Initiativen und die fehlende eindeutig erkennbare Positionierung der Industrie als Ganzes. Erschwerend kommt noch eine starke Interessensvielfalt der einzelnen nationalen Ländervertretungen hinzu.
Durch die Verbindung zu den politischen Vertretern in den Ministerien Wirtschaft, Forschung oder Umwelt können diese Themen inzwischen verstärkt vorgebracht werden. Der ZVO baut auf die technologischen Entwicklungen der DGO und bringt die marktrelevanten Informationen zentral in die Gremien von Politik und Wirtschaft ein. Die DGO tut ein Gleiches in den wissenschaftlichen und technischen Gremien.
Seit mehreren Jahren ist der ZVO über die DGO an der aus verschiedenen EU-Projekten hervorgegangenen Initiative Greenovate!Europe maßgeblich beteiligt. Diese etabliert und pflegt den Kontakt zu den Generaldirektionen Forschung, Wirtschaft, Umwelt und Innovation und gibt der oberflächentechnischen Industrie damit die Gelegenheit, eigene Ideen und Vorstellungen zu präsentieren. Die Empfehlungen des ZVO fließen auch in die Gestaltung des 8. Forschungsrahmenprogramms der EU ein.
Forschung für die Galvanotechnik – Stiftungsprofessur TU Ilmenau
Die Forschung und Entwicklung in Europa, das heißt sowohl die nationale als auch die europäische, setzt verstärkt auf Internationalität und Kooperation. Somit ist es an der Zeit, die Fortschritte und Entwicklungen der letzten Jahre zu bewerten und künftige Leitgedanken zu dem Kernelement des Europäischen Forschungsraumes im Bereich der Oberflächentechnik zu entwickeln. Forschung, Aus- und Weiterbildung sowie Innovation müssen uneingeschränkt mobilisiert werden, um die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und umweltpolitischen Ziele der EU zum einen und die Bedürfnisse der Galvanotechnik zum anderen zu erfüllen.
Dieser Weg wird erfolgreich beschritten durch die Stiftungsprofessur, auf die am 1.8.2010 Prof. Dr. Andreas Bund berufen wurde.
Fazit
Durch die enge Vernetzung von Forschung und Anwendung in der Galvanotechnik werden die zentralen Themen des europäischen Forschungsraumes in der Oberflächentechnik – Ressourceneffizienz, innovative Schichtsysteme, Korrosionsschutz, Funktionalisierung, Produktionstechniken, Umweltfragen und praktische Umsetzung - bereits seit vielen Jahren behandelt. Dabei ist die thematische Fokussierung auf übergreifende Schwerpunktthemen immer wichtiger geworden, die Vorstellungen von aktuellen Forschungsergebnissen und Entwicklungstrends werden verstärkt mit den Erfahrungen aus der betrieblichen Praxis verbunden und in die Entscheidungskanäle eingebracht.
Dies erfolgreich durchzuführen und verstärkt die Verbindung von technologischen, marktwirtschaftlichen und unternehmerischen Themen zu suchen - dafür werden ZVO und DGO auch zukünftig stehen.
Christoph Matheis:
Jetzt, zu Beginn der HANNOVER MESSE 2011, befindet sich die galvanotechnische Branche wie die gesamte deutsche Wirtschaft in einer Wachstumsspirale, der man gleichfalls mit Respekt begegnen muss wie dem Abwärtssog im Jahr 2009. Zwar befindet sich die Galvanotechnik noch nicht wieder auf dem Niveau von 2007 / 2008, doch das letztjährige Wachstum von durchschnittlich 30 % hat die Branche in eine komfortable Ausgangsposition für 2011 gesetzt. So erwarten wir für 2011 ein weiteres durchschnittliches Wachstum von 10 %, das Niveau von 2008 wird wieder erreicht – Jahre früher, als erwartet. Die Kunststoffgalvaniken haben dieses Niveau bereits übertroffen.
Das Wachstum im letzten Geschäftsjahr verteilt sich recht gleichmäßig auf alle Bereiche der Wertschöpfungskette innerhalb der Galvanotechnik. Etwas geringer fällt das Wachstum im Anlagenbau aus, der konjunkturzyklisch später von Wirtschaftskrisen erfasst wird und diese auch später wieder verlässt. Die Wirtschaftskrise von 2009 hatte den Anlagenbau aber auch weniger stark getroffen als z.B. Beschichter oder Verfahrenslieferanten, die im vergangenen Jahr vereinzelt von Umsatzzuwächsen von 50 % und mehr berichteten. Das Niveau des Rekordjahres 2008 übertroffen haben im vergangenen Jahr bereits die Kunststoffgalvaniken, wie der Fachverband Galvanisierte Kunststoffe e.V. (FGK) berichtet, die – indiziert betrachtet – das Jahr 2010 mit 112 % im Vergleich zu 2008 abschlossen und sich neben neuen Umsatzrekorden auch über eine sehr positive Ertragslage freuen. Durch die anhaltend hohen Auftragsbestände in den Kunststoffgalvaniken wird in diesem Jahr in weitere Anlagen investiert, die bereits in der zweiten Jahreshälfte in Betrieb genommen werden.
Die aktuell sehr gute wirtschaftliche Lage wird durch unsere Frühjahrsumfrage bestätigt. So bewerten derzeit 15 % der Unternehmen ihre aktuelle wirtschaftliche Lage mit sehr gut, 46 % mit gut und 30 % mit befriedigend. Auch der Ausblick ist äußerst positiv. 71 % der befragten Unternehmen erwarten wesentlich bessere oder bessere Geschäfte, 26 % sehen eine konstante Geschäftsentwicklung voraus.
Das gute Geschäftsklima wirkt sich auch belebend auf die Beschäftigung aus. Viele Unternehmen konnten ihr Stammpersonal über die Krise retten und rüsten jetzt personell weiter auf. 70 % der Unternehmen planen Personaleinstellungen, davon 25 % im unbefristeten Bereich. Doch auch die Galvanotechnik ist immer stärker vom Fachkräftemangel betroffen, so dass viele offene Stellen unbesetzt bleiben, auch im Ausbildungsbereich. Dabei bietet die Galvanotechnik Berufsanfängern gerade jetzt hervorragende Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten.
Rohstoff- und Energiepreise explodieren
Sorge bereitet uns in diesem Jahr die Entwicklung der Rohstoffpreise und die Verfügbarkeit der Rohstoffe mit daraus resultierenden langen Lieferterminen sowie die Entwicklung auf dem Energiesektor und die dortigen politischen Fehlentscheidungen. Die Auswirkungen evtl. Lieferengpässe japanischer Bauteilproduzenten lassen sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht einschätzen.
Seit Jahren bemühen sich Politik und Wirtschaft, nachhaltiges Handeln zu etablieren und eine lebenswerte Zukunft auch für kommende Generationen zu sichern. Der Umstieg auf erneuerbare Energien und ressourcenschonende Prozesse ist dabei von zentraler Bedeutung. Dieses wichtige gesamtgesellschaftliche Ziel wird selbstverständlich auch von uns unterstützt. Es muss jedoch auch wichtige politische Aufgabe sein, die Konsequenzen dieses Handelns der breiten Öffentlichkeit deutlich zu machen.
Die Ausrichtung auf Nachhaltigkeit bringt zwangsläufig einen Wertewandel mit sich. Bisher preisgünstig erzeugte Produkte werden aufwändiger produziert.
Die EEG-Zulage zeigt dies überdeutlich. Die Förderung höherer Kosten zur Erzeugung erneuerbarer Energien erreicht jeden Beteiligten in der Lieferkette – also auch den Endverbraucher. Hier ist die Transparenz der politischen Maßnahme mit ihren Konsequenzen für die Verbraucher aus unserer Sicht nicht ausreichend.
Als Branche, die mit hohem Energieeinsatz produzieren muss, stoßen wir auf Unverständnis, sobald wir auf die erhöhten betriebswirtschaftlichen Kosten hinweisen, die von uns unbeeinflussbar aus volkswirtschaftlichen Gründen zum Wohle aller aufkommen. Gerade in unserer Technologie zeigt sich, wie unterschiedlich sich solche Maßnahmen auswirken. Obwohl wir keinerlei Einfluss auf die Ausgestaltung des eigentlichen Produkts haben und einen sehr geringen Anteil an seiner Wertschöpfung, wird unsere Dienstleistung wirtschaftlich extrem belastet.
Wettbewerbsverzerrung
Von ebenfalls immenser Bedeutung ist die Tatsache, dass die EEG-Umlage eine rein deutsche Maßnahme ist. Da unsere direkten Wettbewerber jenseits der Grenzen ihrer Verpflichtung zur Förderung nachhaltiger Prozesse nicht oder nicht in gleichem Maße nachkommen, verlieren unsere Betriebe Aufträge an preisgünstigere Wettbewerber aus dem europäischen Ausland, die mitunter mit Energiepreisen produzieren können, die 50 % unter den deutschen Energiepreisen liegen. Es ist absehbar, dass diese Entwicklung innerhalb kurzer Zeit zu wirtschaftlichen Verlusten und Verlusten an Arbeitsplätzen führen wird.
Die Pflicht zur Nachhaltigkeit darf deshalb kein nationaler Alleingang werden, da dadurch die wirtschaftliche Grundlage für deutsche Unternehmen geschwächt und teilweise in Frage gestellt wird! Es werden erneut Wettbewerbsverzerrungen geschaffen, die uns in Deutschland negativ beeinflussen, d.h. durch die EEG-Umlage in der jetzigen, rein nationalen Ausprägung werden in Deutschland massiv Arbeitsplätze vernichtet!
Die in 2010 politisch beschlossenen Sonderkürzungen und die bisher branchenseitig getroffenen Massnahmen zur Energieeffizienz reichen nicht aus, um den Kostenanstieg zu bremsen. Daher sprechen wir uns für eine Abschaffung der EEG-Umlage, mindestens aber für eine Begrenzung auf das derzeitige Niveau, aus. Der kräftige Anstieg der EEG-Umlage in diesem Jahr raubt der klein- und mittelständischen, energieintensiven Galvano- und Oberflächentechnik jegliche Spielräume für Neuinvestitionen. Durch die gleichzeitige Rohstoffverknappung sind in der Galvano- und Oberflächentechnik in diesem Jahr Preissteigerungen sowohl für die eingesetzte Verfahrenschemie als auch die Beschichtungsdienstleistung unausweichlich.
