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European Risk Forum: Konferenz zu wissenschaftlicher Integrität, öffentlicher Ordnung und besserer Rechtsetzung

Das European Risk Forum und die Bulgarische Präsidentschaft des Rates der EU diskutierten wissenschaftliche Beratungsmechanismen und sorgfältige Wissenschaft. Das ZVO Ressort Umwelt- und Chemikalienpolitik arbeitet Kriterien und Vorschläge für die Beurteilung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus.

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Das European Risk Forum und die Bulgarische Präsidentschaft des Rates der Europäischen Union kamen am 20. Februar 2018 in Brüssel zu einer Konferenz zusammen. Die Veranstaltung bestand im Wesentlichen aus zwei Abschnitten. In Teil 1 wurden vor allem übergeordnete, hoch angesiedelte wissenschaftliche Beratungsmechanismen dargestellt und diskutiert. So hat die EU einen „Scientific Advice Mechanism“ etabliert, verkörpert durch ein kleines Wissenschaftlergremium, die sogenannte High Level Group (HLG, http://ec.europa.eu/growth/industry/policy/key-enabling-technologies/european-strategy/high-level-group_de).

Diese Gruppe arbeitet zusammen mit dem großen akademischen Netzwerk SAPEA (Scientific Advice to Policy by European Academies, http://www.allea.org/asap-academies-sciences-advice-to-policy/).

Folgende Aussagen waren von besonderer Bedeutung:

Wolfgang Burtscher, stellvertretender Generaldirektor der Generaldirektion Forschung und Innovation der Kommission (GD RTD), betonte dass Wissenschaft eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung von politischen Maßnahmen spielen sollte. Jedoch haben auch soziale Werte und konkurrierende politische Prioritäten eine große Bedeutung. Oft werden verschiedene Methoden verwendet, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen (zum Beispiel hazard versus risk-based assessment im Fall von Glyphosat). Er fügte hinzu, dass die EU einen innovationsfreundlichen Regelungsrahmen braucht. Der „Innovations-Check/Test“ wird im Rahmen der Agenda für eine bessere Rechtsetzung auch von der Kommission durchgeführt.

Professor Dr. Colin Berry, Mitglied der deutschen Akademie der Naturforscher „Leopoldina“, begann seine Rede mit einem Zitat des Philosophen Bertrand Russel: „What man desires is not knowledge but certainty“. Er stellte dann die Frage: „Wie bekomme ich gute Daten?“. Er verwies darauf, dass klare Regeln befolgt werden müssen und legte klare Voraussetzungen für „sound science“ fest. So sollten alle Studien nach einem klar definierten Protokoll durchgeführt werden; jede Abweichung davon muss dokumentiert werden; eine Studie muss so geplant sein, dass sie reproduzierbar ist; Ausreißer müssen eindeutig identifiziert sein.

Pearl Dykstra, stellvertretende Vorsitzende der „High-Level Gruppe“ des Scientific Advice Mechanism (SAM-Gruppe), stellte die Arbeit der Gruppe vor. Sie wurde 2015 eingerichtet und soll die Europäische Kommission unabhängig und wissenschaftsbasiert beraten. Die Gruppe besteht aus maximal sieben Experten (derzeit sind es sechs) und wird von Experten aus akademischen Instituten unterstützt, wie Sierd Cloetingh, Präsident des SAPEA, erklärte. Interessant ist, dass die SAM-Gruppe derzeit an einem neuen Vorschlag zum Thema: „Making sense of science under conditions of complexity and uncertainty“ arbeitet. Die Herausforderungen, die unter anderem adressiert werden sollen, sind schlechte Reproduzierbarkeit der Ergebnisse, widersprüchliche Ergebnisse oder Umgang mit voreingenommen Fragen.

Anforderungen an verlässliche und sorgfältige Wissenschaft

Im zweiten Teil wurden die Anforderungen an verlässliche und sorgfältige Wissenschaft vertieft:

Dirk Hudig, European Risk Forum, betonte die Notwendigkeit für eine Methodik, um entscheiden zu können, ob ein gegebener wissenschaftlicher Ansatzpunkt tatsächlich tragfähig ist. Vor allem sollten Politik und Behörden auf Basis von Wissenschaft stärker die Auswirkungen und weniger die Technologien selbst regulieren. Derzeit gebe es vor allem eine „defensive research“, um den Regulierungen zu begegnen.

Allison Abbott, Korrespondentin der Zeitschrift NATURE, plädierte dringend dafür, die oft fehlende Reproduzierbarkeit von wissenschaftlichen Angaben stärker zu thematisieren. So hat NATURE eine spezifische Checkliste entwickelt, um derartige unhaltbare Untersuchungen zu erkennen.

Gerard Swan, Maastricht University, unterstützte sie durch eine Studie zu Untersuchungen bezüglich der Wirkungen von Phthalaten. Bei 158 in der Literatur gefundenen Studien wurde versucht, ein Interview zu den Details mit den Autoren und Einblick in die Original-Protokolle der Studien zu bekommen. Bei lediglich zwei Studien gelang dies. Die übrigen antworteten entweder gar nicht, lehnten die Zusammenarbeit ab oder verfügten angeblich nicht mehr über die Originaldaten.

Regulative Maßnahmen basieren oftmals auf eingeschränkt gültiger wissenschaftlicher Grundlage

Offensichtlich sind auch europäische Fachleute zu dem Ergebnis gekommen, dass viele der angeblichen wissenschaftlichen Hinweise oder gar Beweise nicht oder nur eingeschränkt haltbar sind. Folglich sind die daraus abgeleiteten politischen, regulativen Maßnahmen oft unbegründet oder gar falsch.

Die Wissenschaft muss Mechanismen entwickeln, um den politischen Entscheidungsträgern einerseits die Möglichkeit zu geben, verlässliche wissenschaftliche Ergebnisse von unbewiesenen, unbegründeten und nicht wiederholbaren Behauptungen mit wissenschaftlichem Anschein zu unterscheiden. Darauf aufbauend muss die Wissenschaft vollständige Szenarien beschreiben, die neben der beabsichtigten Zielgröße (zum Beispiel Risikominimierung durch eine Substanz) auch Nebeneffekte und -wirkungen mit gleicher Sorgfalt beschreiben. Erst dann wird es der Politik möglich sein, alternative Maßnahmen unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Werte abzuwägen.

ZVO-Projekt erarbeitet Kriterien und Vorschläge für einheitliche Beurteilung von wissenschaftlichen Erkenntnissen

Das ZVO-Ressort Umwelt- und Chemikalienpolitik hat hierzu ein Projekt gestartet. Es soll Kriterien für sorgfältige Wissenschaft ausarbeiten und Vorschläge für die einheitliche Bewertung bzw. Beurteilung von angeblich wissenschaftlich erworbenen Erkenntnissen ermöglichen. Die Einschätzung der Verlässlichkeit solch vermuteter Erkenntnisse soll auch informierten Laien möglich sein.