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Fundierte Wissenschaft (Sound Science) erkennen

Das ZVO-Ressort Umwelt- und Chemikalienpolitik hat ein Prüfungsverfahren entwickelt, das dabei helfen soll, belastbare wissenschaftliche Erkenntnis bzw. sorgfältige wissenschaftliche Arbeit (Sound Science) von Spekulation oder falschen, gar manipulierten Daten unterscheiden zu können.

Bild von Reagenzgläsern mit farbigen Flüssigkeiten. Bildunterschrift. Nicht jede wissenschaftliche Arbeit hält, was sie verspricht. Anhand von fünf Kriterien lässt sich der Gehalt bewerten. (Bild: starfotograf)

Sound Science: Nicht jede wissenschaftliche Arbeit hält, was sie verspricht.

Im Zusammenhang mit Regulierungen und Regulierungsvorhaben nehmen die Akteure oft für sich in Anspruch, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnis zu handeln. Dennoch treten immer wieder Einschätzungen und Begründungen auf, die bei einem Abgleich mit realen Erfahrungen nicht plausibel erscheinen. Beispiele sind die Ableitung des „verlängerten Hautkontakts“ im Rahmen der Nickel-Beschränkungs-Guideline oder die Herleitung der „dose-response-curve“ für Chromtrioxid.

Beim Prüfverfahren des ZVO-Ressorts Umwelt- und Chemikalienpolitik geht es vor allem darum, Informationen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit verlässlich, also auf fundierter wissenschaftlicher Erkenntnis basieren, auch für wissenschaftliche Laien erkennbar zu machen. Dabei helfen fünf einfache Kriterien, hierarchisch gegliedert. Wird auch nur eines verneint oder hinreichend bezweifelt, müssen die folgenden nicht weiter betrachtet werden. Die so überprüfte Ausarbeitung ist demnach zurückzuweisen.

Kriterium 1: Reproduzierbarkeit

Beobachtungen und Untersuchungen, die nicht durch unabhängige Arbeitsgruppen wiederholt und bestätigt wurden, sind für eine allgemeingültige Betrachtung nicht geeignet. Erst wenn ein Befund reproduzierbar ist und eine Replikationsstudie zu ähnlichen, wenn nicht gleichen Ergebnissen kommt, erlangt die Erst-Studie Glaubwürdigkeit.

Kriterium 2: Aussagefähigkeit

Hier ist zu klären, ob eine Untersuchung sich mit dem eigentlichen Themengebiet befasst. Oft werden Informationen verwendet, die auf den vorliegenden Fall nicht anwendbar sind. Beispielsweise wurden die zur Bestimmung der „dose-response-curve“ zu Chromtrioxid herangezogenen Daten nicht aus der Galvanik (gelöstes Chromtrioxid, Aerolsole), sondern aus der Chromtrioxid-Herstellung (Stäube) gewonnen. Jedem Laien wird plausibel, dass die Übertragbarkeit gesondert bestimmt werden muss. Im vorliegenden Fall sind die Daten für die Galvanik nicht aussagefähig.

Kriterium 3: Repräsentativität

Selten lassen sich sämtliche verfügbaren Daten ermitteln. Vielmehr gilt es, sich mit einem Ausschnitt der Wirklichkeit begnügen. Umso wichtiger ist es festzustellen, ob die für den betrachteten Ausschnitt gewonnenen Erkenntnisse auf den größeren Zusammenhang übertragen werden können. Gegenbeispiel ist die Datenbasis der Priorisierung von Chromtrioxid. Es wurden IFA (DGUV) -Überwachungsdaten herangezogen, die vor allem aus Betrieben mit Grenzwertüberschreitungen stammten. Viele Betriebe mit nicht nachweisbarer Exposition wurden über Jahre nicht überprüft, ihre Daten fanden daher keinen Eingang in die statistischen Untersuchungen der Behörden. Derartige Erkenntnisse sind also nicht übertragbar.

Kriterium 4: Richtigkeit

Die Beurteilung, ob eine Untersuchung richtig ist, also einen korrekten mechanistischen Zusammenhang von Ursache und Wirkung wiedergibt, ist naturgemäß schwer. Schnell werden Korrelationen zu quantitativen Kausalitäten, die jedoch falsch sind, wenn wesentliche Parameter nicht berücksichtigt werden. Beispiel ist die Einstufung von Titandioxid als CMR-Stoff (krebserzeugender, erbgutverändernder und fruchtbarkeitsgefährdender Stoff). In den zugrundeliegenden Untersuchungen wurden Stäube eingesetzt, jedoch wurde die reine Staubwirkung nicht getrennt von den toxikologischen Substanzeigenschaften. Somit ist nicht auszuschließen, dass die Staubwirkung gemessen wurde, die auch jeder andere Staub hätte hervorrufen können. Die aktuell diskutierte CLP-Einstufung des Titandioxid ist daher fragwürdig und unplausibel.

Kriterium 5: Genauigkeit

Jegliche experimentell und durch Beobachtung gewonnenen Daten sind mit einer Ungenauigkeit behaftet. Das hat vielfältige Gründe, wie zum Beispiel Schwankungen des Messgerätes. Es ist wichtig darauf zu achten, ob der betrachtete Wert statistisch signifikant ist, von den unvermeidbaren Schwankungen unterscheidbar. So stellte die ECHA in einer Metastudie einen Zusammenhang von Expositionshöhe und Urinkonzentration für einen Gefahrstoff auf. Die entsprechenden Formeln gaben in Bereichen von Milligramm Gefahrstoff pro Kubikmeter lineare Verhältnisse wieder. Im Bereich von µg/m3 oder darunter war der Wert jedoch nahezu konstant und die (drei) Formeln überdeckten sich nicht. Hier reicht die Genauigkeit der Untersuchung für eine belastbare Aussage nicht aus. Regularien daraus sind unbegründet und aussagelos.

Die genannten Kriterien zur Überprüfung der wissenschaftlichen Belastbarkeit von Informationen können zur Versachlichung und Objektivierung von regulativen Vorgängen führen. Daher wird auch der ZVO diesen Ansatz zur Identifizierung von „Sound Science“ in der Interessenvertretung weiter vorantreiben.