AUS DEN VERBÄNDEN produkte, die in der Galvanik unver- zichtbar sind. Zölle sind also ein zweischneidiges Schwert: Sie verteuern kurzfristig die Produktion, fördern aber langfristig die Rückverlagerung industriel- ler Wertschöpfung. Davon wird die US-Ober- flächentechnik letztlich profitieren. Holder: Welche technologischen Trends Politisch ist Nachhaltigkeit in Washington derzeit kein Leitthema mehr. Trotzdem er- kennen viele Unternehmen, das internatio- nale Lieferketten ohne klare Umweltstrategie langfristig nicht funktionieren. Die Ent- wicklung bleibt also bestehen, nur mit dem amerikanischen Ansatz, dass es sich am Ende rechnen muss. prägen derzeit die US-Galvanik? Gibt Holder: Der Fachkräftemangel betrifft es Fortschritte bei Automatisierung, fast alle Industriebranchen. Wie Prozessüberwachung oder alternativen Prozessen im Vergleich zu Europa bzw. weltweit? Burger: Viele nachhaltige Chemikalien, die in Europa entwickelt wurden, gibt es eins zu eins auch auf dem US-Markt. Globale Liefe- ranten treiben diesen Transfer aktiv voran. Bei Anlagen und Prozessen steigt das Interesse an Automatisierung und digitaler Prozesskont- rolle. Noch sind es vor allem größere Unter- nehmen oder OEM-eigene Betriebe, die sich solche Investitionen leisten. Der Austausch mit Europa wird dabei immer wichtiger. Der Besuch technologisch führender Betriebe, wie hier bei Holder Ober- flächentechnik, zeigt eindrucksvoll, was heute möglich ist, wenn Automatisierung, Nach- haltigkeit und Präzision zusammengedacht werden. Genau dieser Wissenstransfer hilft, Innovation auf beiden Seiten des Atlantiks vo- ranzutreiben. reagiert die NASF darauf? Burger: Ausbildung in den USA ist stark pra- xisorientiert und dezentral. Die meisten Fach- kräfte lernen „on the job“ oder über Seminare von Zulieferern und der NASF. Der wichtigste Standard ist das „Certified Electroplater Fini- sher (CEF)“-Programm, seit Jahren das umfas- sendste technische Schulungsangebot. Um den Zugang zu erleichtern, digitali- siert die NASF ihre Ausbildung. Mit der neu- en Online-Plattform eCatalyst können Lern- inhalte flexibel, modular und ortsunabhängig absolviert werden. Ergänzend gibt es speziali- sierte Module etwa zu Aluminium-, Chrom- oder Edelmetall-Beschichtungen, Korrosions- schutz oder Abwassertechnik. Im Unterschied zu Europa fehlt in den USA jedoch ein staatlich anerkanntes Ausbil- dungssystem wie die deutsche duale Lehre. Henningsen: Mit Blick auf die USA und Asien, wie wettbewerbsfähig sind ame- Henningsen: Nachhaltigkeit ist welt- rikanische Beschichter international? weit ein zentrales Thema. Welche Rolle Und wo können beide Seiten voneinan- spielt sie in der US-Branche – getrieben durch Kunden, durch Regulierung oder durch Kosten? Burger: Die USA folgen grundsätzlich dem europäischen Kurs, allerdings mit zeitlicher Verzögerung und stärker marktgetrieben. Europa war durch strengere Auflagen, Ener- giepreise und Kundenanforderungen gezwun- gen, nachhaltige Technologien früher einzu- führen, von REACH über RoHS bis hin zu alternativen Chemieverfahren. In den USA setzt der Wandel meist dann ein, wenn Technologien erprobt und wirt- schaftlich tragfähig sind, sprich: sich lohnen, oder wenn globale OEMs gleiche Standards weltweit einfordern. Nachhaltigkeitsprojekte wie Solar- oder Wasser-Recyclinganlagen ent- stehen bei uns in den USA eher wegen des Kostendrucks oder regionalen Gegebenheiten, weniger wegen der Kundenerwartung. der lernen? Burger: Die US-Oberflächentechnik erwirt- schaftet rund 12 Milliarden Dollar pro Jahr, also etwa 13 Prozent des Weltmarkts. Zu- sammen mit Kanada und Mexiko kommt Nordamerika auf 16 Prozent, nach China und Europa Rang drei. China dominiert weiterhin fast die Hälf- te des globalen Volumens, getrieben vor allem durch die E-Mobilität. In Europa dagegen liegen die Stärken traditionell in Ingenieurs- kunst, Prozessdisziplin und Qualität. Ich hof- fe, dass das so bleibt. Amerikanische Betriebe punkten durch technisches Know-how und Zuverlässigkeit bei sicherheitsrelevanten Anwendungen sowie Frei- gaben, etwa in Automobil-, Luftfahrt- und Ver- teidigungsprogrammen. Europa war dagegen immer technologischer Taktgeber, doch hohe Energiekosten und Überregulierung scheinen für uns diese Position zu schwächen. Ein Bei- spiel ist das Ende der dekorativen Kunststoff- galvanik (POP): politisch gewollt, von OEMs entschieden und nun kaum reversibel, obwohl sich die Marktlage langsam wieder dreht. Die USA können in Teilbereichen von Europa lernen, wie Staat, Forschung und Wirt- schaft zusammenarbeiten, wobei wir hier auch besser werden. Umgekehrt sollte Europa seine unternehmerische Freiheit stärker verteidigen, sonst verliert es weitere technische Führungs- felder, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden. Holder: Ein Ziel des ZVO ist es, die internationale Kooperation zu stärken. Sehen Sie Potenzial für eine engere Zu- sammenarbeit mit der NASF, etwa bei SUR/FIN oder ZVO-Tagungen? Burger: Ja, und zwar deutlich. Beide Ver- bände sollten regelmäßig Erfahrungen aus- tauschen, über Mitgliederentwicklung, Ver- bandsstrukturen und Branchenevents. Die NASF hat sich in den vergangenen Jahren stark verjüngt, mit neuem Vorstand, fri- schen Ideen und mehr Innovationsfokus. Das bietet ideale Voraussetzungen für eine engere Partnerschaft mit dem ZVO und insbesondere dem Programm ZVO 2.0. SUR/FIN in den USA und der ZVO-Jah- reskongress in Deutschland sind hervorragen- de Plattformen, um gemeinsame Themen zu vertiefen – von Automatisierung und digita- ler Prozesssteuerung bis hin zum Einsatz von KI. Was heute visionär klingt, wird morgen Standard sein. Hier im Dialog zu bleiben ist entscheidend, um global wettbewerbsfähig zu bleiben, gerade gegenüber China. Die Zusammenarbeit zwischen NASF und ZVO hat eine lange Tradition. Schon vor der Pandemie gab es gemeinsame Projekte, Vor- träge und Austauschformate zu Themen wie REACH, Ausbildung und Technologie. Dieses Netzwerk sollten wir wiederbeleben und aus- bauen, zum Nutzen beider Seiten und der ge- samten Branche. Henningsen und Holder: Danke für das interessante Interview, das die span- nende Sicht der US Galvanoindustrie auf Europa zeigt. Wir werden uns als ZVO und ZVO 2.0 weiter für einen ak- tiven Austausch einsetzen und sehen uns spätestens im Mai auf der Surface- Technology GERMANY 2026 in Stuttgart! INTERVIEW +++ INTERVIEW +++ INTERVIEW +++ INTERVIEW +++ 18 ZVOreport 1 | Januar 2026